Quellenkinder - Ein Forschungsprojekt

Welche Ursprünge tragen wir in uns – als Kinder unserer Familien, unserer
Zeit, unserer Ahnen? Und was, wenn ein Kind nicht erst werden muss, was
es ist? Sondern bereits etwas mitbringt, das gesehen werden will.


Das Phänomen
Jedes Kind hat zu einem Elternteil eine besondere Verbindung.
Jesper Juul hat sie in Intuitive Verbindung beschrieben. Sie ist nicht wählbar. Sie ist da.

Diese Verbindung ist nicht die harmonischere. Oft ist sie die herausforderndere. Denn das Kind bringt genau das ans Licht, was bei diesem Elternteil noch nicht geklärt ist. Nicht aus Trotz.
Sondern weil es ihm gleicht – in Temperament, in Muster, in dem, was gesehen werden will.

Dieses Kind nenne ich Quellenkind. Nicht, weil es bevorzugt wäre. Nicht, weil die Verbindung schöner oder wichtiger wäre als zum anderen Elternteil. Sondern weil es auf eine Weise aus
einem Elternteil hervorgeht, die über das Biologische hinausgeht.

Es ist keine Rangfolge. Es ist eine Resonanz.


Die Beobachtung
Ich habe dieses Phänomen in Begleitungen immer wieder gesehen. Am klarsten bei einem Paar aus meiner Praxis – er Kinderarzt, sie Hebamme, gemeinsam sechs Kinder.
Wir haben für jedes Kind gefragt: Wer ist hier die Quelle?

Was sich zeigte, war verblüffend: Wenn eines der Kinder ein Thema hatte, konnte der zugehörige Elternteil fast immer in sich selbst den Kern dieses Themas finden. Nicht als Schuld. Als Entsprechung.

Und etwas anderes zeigte sich: Sobald der Elternteil das eigene Thema in sich klärte, bewegte sich auch etwas beim Kind. Oft ohne weitere Worte. Das Kind hatte keine Hilfe für sich gebraucht. Es hatte eine Klärung bei der Quelle gebraucht.

Das ist der Kern dessen, was wir untersuchen wollen.


Die These
Wenn ein Elternteil erkennt, wessen Quelle er oder sie ist, verändert sich die Art, wie er oder sie auf das Kind reagiert. Nicht strenger. Nicht weicher. Ehrlicher.
Denn vieles, was ein Kind zeigt, ist nicht das Problem des Kindes. Es ist die Fortsetzung einer Geschichte, die bei der Quelle begann – oft ungesehen, oft unausgesprochen.

Bewusste Elternschaft hieße: die eigene Rolle als mögliche Quelle eines Kindes zu erkennen. Und bereit zu sein, die eigene Arbeit an dem zu tun, was sich über das Kind zeigt.
Nicht, um das Kind zu reparieren. Sondern, um ihm zu ermöglichen, es selbst zu sein.

Der Verlust
Besonders deutlich wird dieses Phänomen in Momenten, in denen die Verbindung zwischen Quelle und Kind unterbrochen wird. Etwa bei Trennungen, in denen ein Kind mutwillig von seiner Quelle getrennt wird.
Was dabei geschieht, ist schwer in Worte zu fassen. Das Kind verliert nicht nur einen Elternteil. Es verliert seine Anbindung an einen Teil von sich selbst. Und oft auch das Vertrauen in das eigene Spüren.

Solche Wunden wirken lange. Meist bis ins Erwachsenenalter. Und sie sind nicht mit gutem Willen zu beheben – aber sie sind erkennbar, benennbar, und möglicherweise heilbar, wenn man versteht, was verloren ging.

 

Die Hoffnung
Wenn Eltern diese Verbindung verstehen, kann vieles anders werden. Schuldzuweisungen können enden, weil etwas erkannt wird, das größer ist als Absicht. Vergebungsarbeit mit den eigenen Eltern wird möglich, weil die Bewegung sichtbar wird,
die von Generation zu Generation läuft.

Und wenn ein Quellenkind die stimmige Förderung seiner Quelle erhält – in der Familie und später in der Schule –, dann kann aus ihm einmal selbst eine Quelle werden. Mit allem, was dazu gehört. Mit den eigenen Kindern. Mit den eigenen Wachstumsschritten. Mit der eigenen Arbeit.


Das Forschungsfeld
Ich führe dieses Projekt nicht allein. An meiner Seite stehen ein Kinderarzt, eine Hebamme und mein langjähriger Mentor aus der Quellenarbeit. Vier Perspektiven auf ein Feld, das noch kaum erforscht ist.
Wir wollen das Phänomen untersuchen, Thesen formulieren und einen Weg aufzeigen, wie bewusste Elternschaft aussehen könnte. Später, wenn es reif ist, soll ein Ratgeber entstehen. Und die Zusammenarbeit mit Fachstellen, die mit Kindern, Familien
und Übergängen arbeiten.


Die Einladung
Für diesen Weg suche ich Gespräche. Mit Eltern, die sich selbst befragen lassen wollen – mit Neugier, ohne Schuld. Mit Menschen, die Eltern werden wollen und sich früh mit diesen
Fragen verbinden möchten. Und mit allen, die sich dem Feld aus eigener Erfahrung, aus Beruf oder aus stiller Ahnung verbunden fühlen.

Es geht nicht darum, Antworten zu geben. Sondern darum, gemeinsam zu sehen, was sich zeigt.

Wenn dich dieses Feld berührt, melde dich.


Literaturhinweis: Jesper Juul, Intuitive Verbindung – Die geheime Kraft der Eltern-Kind-
Beziehung, Beltz Verlag 2015.